Orhan Pamuk stellt seinen neuen Roman vor

Die Felsenreitschule als Hintergrund für eine Dichterlesung ist ein absolut ungewöhnlicher Ort. Der Rahmen wurde noch verdichtet, indem ein überdimensionaler goldener Bilderrahmen hinter zwei Tischchen und zwei Sesselchen gruppiert waren.  Während vor dem Rahmen gelesen wurde, erschienen innerhalb dieses Bilderrahmens Objekte, möglicherweise Sammelobjekte aus dem zukünftigen „Museum der Unschuld“.

 

Orhan Pamuk beginnt in türkischer Sprache zu lesen, das Publikum schweigt und Helmut Lohner schaut ein wenig ungläubig zu seinem Partner, rechts von ihm. Der Nobelpreisträger erläutert die Situation, es ist die erste Lesung des am 1. September in der Türkei und am 6. September in deutscher Sprache erscheinenden 600 seitigen Werks, Museum der Unschuld.

Der Stil des Schreibens hat sich gegenüber den früheren Romanen nicht verändert, detailgetreu nimmt man am Leben des Protagonisten Kemal und seiner Liebe zu einer Frau teil. 8 Jahre lang geht er beinahe jeden Tag zum Essen zu seiner Angebetenen, von Tante und Onkel als entfernter Verwandter bezeichnet, um den Nachbarn die Möglichkeiten zum Tratsch zu nehmen. Diese Anbetung wird beinahe zur Obsession, sie verstärkt sich durch die Leidenschaft des Sammelns jener Gegenstände, die von ihr, der Geliebten berührt wurden. Dazu gehören auch 4.213 Zigarettenkippen, die jede auf ihre Weise von der Frau mit mehr oder weniger Gefühl ausgedrückt wurden.

Diese Sammelleidenschaft bringt Orhan Pamuk auf den Punkt als er von seinem geplanten Museum in Istanbul spricht. Jene Strassen, die er täglich benutzte, während der Jahre, als er seine Tochter zur Schule brachte und am Roman schrieb, sollten dem Leser durch das Museum zur Wirklichkeit werden. Noch sind es Sammlungen, aber irgendwann, meint der Autor…

Besonders berührend, beinahe verlegen erzählt der  Nobelpreisträger wie Hauptdarsteller eines Romans langsam lebendig werden.
„Nach vielen Jahren des Schreibens werden sie einem vertraut, leben beinahe mit dem Erfinder, man kennt alle Marotten und Eigenschaften seiner Darsteller. Ist der Beginn eines Romans ein weißes Blatt, beinahe unangenehm, so ist das Ende eine Freude, wenn die Personen ins Leben entlassen werden. „
Wunderschön hat er dies erzählt, die Zuhörer/innen in der Felsenreitschule geben Zwischenapplaus.

Helmut Lohner besitzt eine ausserordentliche Stimme, die ausgezeichnet die Stimmung des morbiden Romans zur Geltung bringt. Die „upper class“ der Jahre 1975 bis 1985 in der Türkei wird beschrieben, das Regime mit einer Nebenbemerkung der „Nachtruhe“ bzw. „Ausgangssperre“ gestreift.

Ein typischer Pamuk könnte man beinahe behaupten, obwohl man nur einige Seiten gehört hat. Glücklicherweise hat sich der Stil trotz des Rummels um seine Person nicht verändert, er wirkt fast schüchtern und nach dem Applaus sieht man ein Lächeln im Gesicht.

Die Zurückhaltung zu politischen Fragen ist empfehlenswert, wenn Orhan Pamuk verallgemeinernd vom sogenannten „Westen“ spricht. Ein Wort, dass es ebenso, wie den „Osten“ inklusive der Türkei nicht gibt. Das wäre Iran, Saudi Arabien, Pakistan und Türkei in einen Topf zu werfen. Sowohl aus seinen Büchern als auch bei der heutigen Präsentation ist ein leiser Komplex heraus zu hören. Die Verwestlichung der Türkei unter Atatürk in den 1930ern hat der wohlhabenden Schicht möglicherweise Kapital gebracht aber auch Selbstbewusstsein genommen. Diese Stimmung wird am Beispiel sichtbar, wenn er im Roman Istanbul die islamische Religiosität den Dienstboten zuweist oder über die Musik der Salzburger Festspiele spricht.

Es gilt nachzudenken, welcher Einfluss auf eine Gesellschaft wirkt, dessen historische Wurzeln, das Osmanische Reich abgeschafft wurden und eine neue türkische Nation mit Gewalt, Indoktrination aer auch Überzeugung eingeführt wurde.  Die Folgen davon sind Schlagzeilen in den Nachrichten. Als sogenannte „westliche Bewohnerin“ kann man dies nicht beurteilen nur wahrnehmen. Durch die Literatur von Orhan Pamuk wird der Horizont erweitert, auf jeden Fall.

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