Warum nehme ich ein Buch vom winzigen voll gestopften Tresen der Kasse meiner Bestellbuchhandlung?
Wohlgemerkt, nicht meiner Lieblingsbuchhandlung,sondern das Geschäft, in dem jene Bücher bestellt werden, die empfohlen wurden. „Das Leben als letzte Gelegenheit“ mit dem Untertitel „Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit“ von Marianne Gronemeyer ist eines jener Bücher das darauf wartet, bestellt zu werden.
Doch zurück zur eingangs gestellten Frage.
Die Mittagsfrau, der Titel hat mich nicht angesprochen, es war die Lausitz und die kurze Beschreibung von Helenes Leben, die ihre Träume gegen alle Konventionen verwirklicht, das mich angesprochen hatte. Glücklicherweise nehme ich ein Buch in die Hand und betrachte sofort die Rückseite, die hat mich angesprochen und exakt diese Handlung ist eingetroffen.
1945. Die Flucht aus Stettin in Richtung Westen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Vorpommern. Helene hat ihren siebenjährigen Sohn durch die schweren Kriegsjahre gebracht. Nun, wo alles überstanden, alles möglich scheint, lässt sie ihn allein am Bahnsteig zurück und kehrt nie wieder. Julia Franck erzählt das Leben einer Frau in einer dramatischen Zeit – und schafft zugleich einen großen Familienroman und ein eindringliches Zeugnis.
An einem Abend las ich vom Leben der Martha und Helene in Bautzen, die Mittagsfrau kam nur einmal vor und ich habe vergessen welche Bedeutung dem Fluch der Mittagsfrau zukommt.
Die Hauptperson im Prolog und Epilog ist Peter, Sohn von Helene. Peter muss während des Krieges oft in der Wohnung auf seine Mutter warten, die als Krankenschwester arbeitet. Während eines Bombenalarms findet er unter Mutter`s Kopfpolster einen Brief seines Vaters, den Soldatenvater den er nur selten gesehen hat. Die Mutter ist für ihn die schönste Frau der Welt. Sie spricht nicht viel und erklärt noch weniger, daher will er sie nach dem Inhalt des Briefes nicht fragen. An einem Tag nach Ende des Kriegs kommt Peter nach Hause, die Tür ist aufgebrochen und er muss zusehen, wie drei Soldaten seine Mutter vergewaltigen. Die Mutter schweigt, packt die wenigen Habseligkeiten in den Koffer und fordert Peter auf, mitzukommen. Zum Bahnhof, endlich sollten sie mit dem nächstmöglichen Zug nach Berlin fahren. Am Bahnhof fordert die Mutter ihn auf, beim Koffer zu warten.
Sie geht weg und lässt ihn allein.
Diese Szene macht mich traurig, das Lesen wird für eine Weile unterbrochen.
Der Roman beschreibt nun in einer Rückblende Helenes Kindheit in Bautzen. Die erotische Beziehung, zu ihrer Schwester Martha und das Leben mit der verrückten Mutter, deren Sammlertick das Haus zusehends anfüllt. Die Mutter kann als Jüdin wohl die Ignoranz der Bautzener „guten Gesellschaft“ nicht mehr ertragen. Sie wird nicht gegrüßt und hat außerhalb der Familie keinen Kontakt zu Menschen. Während des ersten Weltkriegs, der Vater musste zur Armee, lernt Helene recht und schlecht das Druckerhandwerk, damit der Druckergehilfe entlassen werden kann. Die Mittel werden knapp, Martha wird Krankenschwester und ihr Lohn ist willkommener Beitrag zum Familieneinkommen. Der Vater kehrt mit einem Bein zurück, Martha pflegt und versorgt ihn mit Morphium. Dabei findet sie auch Gefallen an der Spritze.
Wiederum eine Schlüsselszene, das Morbide in der Familie, das Drama der Zwischenkriegszeit.
Diese Szene macht mich neugierig, ich will wissen, wie die Familiengeschichte endet.
Julia Franck entführt einem in eine unwahrscheinliche Welt, sie schildert schreckliche Szenen im Buch. Man kann sich den langsam faulenden Stumpf des Vaters vorstellen. Sein Sterben und der Wahnsinn der Mutter bestimmen die Szenen. Daneben erfährt man von einem selbsterklärten Freund des Hauses, ein älterer Mann, der sich am Anblick der Mädchen delektiert und täglich zum Essen kommt. Einer der wenigen realen Bezugspunkte der Geschichte in diesem Abschnitt ist Mariechen, die Haushälterin, die für den gewohnten täglichen Ablauf sorgt.
Nach dem Tod des Vaters beginnt ein Schriftverkehr der beiden Mädchen mit Tante Fanny, einer Cousine der Mutter. Nun wird auch klar, dass die Mutter aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von den Bürgern Bautzens abgelehnt wurde, wie es im ersten Teil sehr gut beschrieben ist. Aufgrund der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Situation, nehmen die Beiden die Einladung der Tante nach Berlin gerne an.
Als Leserin denke ich immer wieder an Peter, sein Schicksal ist im Hinterkopf verankert. Durch die Spannung wird Peter lebendig und ich mache mir Gedanken, wie es ihm ergangen ist. Ich kann es kaum erwarten, dass Helene erwachsen wird. Wird sie ihn suchen und kann sie ihn wieder finden, was passiert mit dem Jungen? Dabei überfliege ich einige Seiten, eigentlich schade.
Tante Fanny lebt kein bürgerliches sondern ein sehr liberales Leben in ihrer großen Wohnung in Berlin. Martha fügt sich sehr schnell ein, insbesondere das sie nun die Chance hat, mit ihrer früheren Liebe, Leontine zeitweilig zusammen zu leben, ohne den Blicken und der Abwertung der Gesellschaft ausgesetzt zu sein. Helene flüchtet in die Beziehung zu Carl Wertheimer, sie liebt und lebt mit ihm einige Jahre in einer Dachkammer. Den Unterhalt verdient sie in einer Apotheke und Carl erhält Geld von seinen Eltern. Die Eltern lernt sie erst nach dem Tod von Carl kennen. An jenem Tag an dem er die Ringe kaufen möchte, wird er als Radfahrer von einem Auto angefahren und stirbt am Unfallort.
Nun muss Helene wieder zurück zur Tante. Die Situation wird immer schwieriger und Helene versucht nun auch als Krankenschwester zu arbeiten. Mit Beginn des Krieges lernt sie ihren späteren Mann, den überzeugten Nationalsozialisten kennen.
Obwohl der Krieg nicht zentral beschrieben wird, sind die beiden Kriege ständig präsent. Die Zwischenkriegszeit stellt nur eine Vorbereitung auf den nächsten Krieg dar. Es sind viele Faktoren, wie Geldentwertung, kranke Menschen aus dem ersten Weltkrieg und die zunehmende Ablehnung der jüdischen Bevölkerung, die keine Normalität des Lebens zulassen.
Der Nationalsozialist Wilhelm hat ein Auge auf Helene geworfen und wird von ihr ständig zurückgewiesen, vielmehr hingehalten. Sie treffen sich im Cafe, Helene schweigt und die wenigen Unterhaltungen sind ohne Inhalt. Es sieht dies als schüchterne Zurückhaltung und ist glücklich, dass Helene ihm dann doch die Zustimmung zur Ehe gibt. Nach der ersten Nacht, als er bemerkt, dass Helene keine Jungfrau ist, fühlt er sich betrogen und behandelt sie forthin als Sklavin. Als Helene schwanger wird, verschwindet er aus beruflich – parteilichen Gründen und kümmert sich weder persönlich noch finanziell um das Schicksal von Helene und Peter, den gemeinsamen Sohn.
Jahre später, im Epilog erfährt man, dass Peter`s Mutter einen Zettel mit der Adresse des Onkels, einen Bruder von Wilhelm im Koffer deponiert hatte. Auf dem Bauernhof des kinderlosen Ehepaars wird Peter als Arbeitskraft benutzt, erfährt wenig Anerkennung aber das Überleben ist sicher gestellt.
Am 18. Geburtstag kündigt sich Helene bei Peters Onkel an. Ausgerechnet an seinem Geburtstag taucht sie am Hof auf und Peter versteckt sich. Er ist unendlich wütend auf seine Mutter und möchte sie nicht treffen. Mit der Abreise der Mutter, die ihren Sohn nicht mehr getroffen hatte, endet die Geschichte.
Eine Geschichte, verpackt in eine Studie dieser Zeit. Die Personen werden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, die Erzählung ist besonders durch die zeitliche Verschiebung voll Spannung und Erwartung.
Das Buch von Julia Franck hat den Deutschen Buchpreis erhalten.
Der Klappentext unterscheidet sich ziemlich von meiner Wahrnehmung des Gelesenen:
„Eine idyllische Kindheit in der Lausitz am Vorabend des ersten Weltkriegs, das Berlin der goldenen Zwanziger, die große Liebe: So könnte das Glück klingen, denkt Helene. Aber steht ihr die Welt wirklich offen? Helene glaubt unerschütterlich daran, folgt ihren Träumen und lebt ihre Gefühle – auch gegen die Konventionen einer zunehmend unerbittlichen Zeit. Dann folgt der zweite große Krieg, Hoffnungen, Einsamkeit – und die Erkenntnis, dass alles verloren gehen kann. Julia Franck erzählt in ihrem großen neuen Roman ein Leben, das in die Mühlen eines furchtbaren Jahrhunderts gerät, und die Geschichte einer faszinierenden Frau.“
Ich habe keine Sekunde Idylle entdecken können. Vielleicht ist die Vorstellung von Idylle eine zutiefst individuelle Wahrnehmung?