Archiv nach Kategorie "Gelesen und kommentiert"

Die Leber wächst mit ihren Aufgaben von Eckart von Hirschhausen

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, Literatur mit Tags , , am April 5, 2009 von Marina`s Woertaworld

Platz 1 der Spiegel Bestsellerliste!

Vom Untergang des Buchwerts zum Aufstieg der Meistverkauften. Klingt ausgezeichnet und wäre bei einem Auto oder einem Konsumgegenstand ein echtes Qualitätsmerkmal. Bei Büchern, die das Siegel „meistverkauftes Buch“ aufweisen, bin ich ein wenig vorsichtig. Das Buch war über lange Zeit kein Gegenstand des banalen Konsums, es war zur Wiederverwertung gedacht. Ein Buch wurde sorgfältig behandelt, schön aufbewahrt, wiedergelesen und meist nur in dafür gesondert angelegten Räumen mit ausgebildetem Personal verliehen. Ein kostbarer Wertgegenstand also, der rein zufällig in den vergangenen Jahren im Supermarkt als „Sonderangebotsware“ gelandet war. Nun habe ich so ein „meistverkauftes Produkt“ vom Regal erworben und gelesen.

Der Einstieg in „Die Leber wächst mit der Aufgabe“ ist bewusst reisserisch gewählt, das unterstützende Marketing ebenfalls. „Ohne Vorwort von Harald Schmidt“, schade, eine seiner spöttischen bis nahezu zynischen Bemerkungen hätte sicherlich besser als das leere Nichtvorwort gepasst. Dann begann ich zu lesen. Nach und nach, eine kleine Geschichte nach der anderen, die Fotozellen auf öffentlichen Toiletten und Klöster als Orte des echten Anti-agings für Männer. Als ich bei der Behauptung angelangt war, dass Schlafen der eigentlich ideale Zustand des Menschen sei, in dem man befinden sollte und Aufstehen nur die lästige Unterbrechung zur Nahrungssuche darstelle, hatte er mein Interesse geweckt. Dr. med. Eckart von Hirschhausen steht auf dem Deckblatt und „Trust me“ „I am a doctor“. Diese beiden Aussagen führen zum Kabarettisten und Gründer der Rote Nasen Organisation, die bekannterweise Kinder im Krankenhaus zum Lachen bringen. Dafür sammelt er „unermüdlich Spendengelder“ steht weiter im Einband. Die grüne Farbe widerspiegelt den grellen Charakter der Erzählungen, den kleinen Wahnsinn des Alltags. In „Die Leber wächst mit der Aufgabe“ werden zahlreiche Paradoxien und menschlich Absurdes beschrieben. Ich wurde überzeugt und lese die restlichen Erzählungen zu Ärzten und Alternativmedizin. All die kleinen Geschichtchen nacherzählen zu wollen, ist schwierig bis unmöglich, da müsste ich das Buch abschreiben. Wohl auch ein Grund warum es auf Platz 1 der Best Seller Liste vom Spiegel ist. Amazon bietet 93 neue Bücher ab EUR 6,50 und 33 gebrauchte Werke ab EUR 5,49 an. Ob dies wohl ein Hinweis ist, dass meistverkauft nicht immer meistgelesen ist? Schade, ich hätte 4 € gespart und ein neues, kein neuwertiges Buch bekommen. Neuer Bücher, deren Seiten sich langsamer öffnen und dessen Buchstaben frischer wirken. Sage und schreibe zu einem Spottpreis, das spottet dem Wert jeden Buches als der Buchdruck erfunden wurde.

Das Buch wird immer häufiger zur schicken Ergänzung des Publicity anderer Aktionen. Einer geht den Jakobsweg und schreibt darüber, eine andere schreibt über Feuchtgebiete und viele über all das, was sie täglich tun. Richtig schwierig ist nur die Auswahl geworden, zu lesen, was einem interessiert und nicht das Angebot.

Die Vielfalt enthält wahrscheinlich eben so viel Qualität wie vor 50 Jahren, sie ist nur schwerer zu finden. Bestsellerliste bedeutet eben nur, auf Platz 1 bei google zu landen, in möglichst vielen Talk shows genannt zu werden und ein entsprechendes Rahmenprogramm zu haben. Das es deshalb nicht gelesen werden sollte, halte ich für ein schlechtes Gerücht. Dieser Eintrag war geschrieben und gespeichert als ich das mailprogramm öffnete. Amazon schickt mir die Bestleserliste Österreichs unter der Bezeichnung „Was Österreich liest!“ Na, was wohl? Eckart von Hirschhausens Buch über das Glück, das selten allein kommt, liegt derzeit an erster Stelle, welch ein Zufall.

Ein Mann namens Sokrates von Gerald Messadié

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags , , , am Juli 27, 2008 von Marina`s Woertaworld

„Als in ihrer Straße ein Mord geschieht, will die Frau des berühmten Sokrates das Verbrechen aufklären und sieht sich im goldenen Zeitalter der Demokratie im antiken Griechenland mit Skandalen und Korruption konfrontiert.“

Das Buch fiel mir in die Hand, zufällig, wie einem Themen zufallen, für die man Bereitschaft zeigt. Der Kampf der Demokratie versus der Tyrannei oder dem Oligarchentum im Athen des „goldenen Zeitalters“ könnte man das historische Kernthema dieses Romans bezeichnen. Angelehnt an die Biographie und das Leben von Sokrates und Xanthippe werden festgeschraubte Bilder des Seins aufgrund von Erzählungen oder erworbenem Gelernten lose gemacht. Nicht überworfen oder gar abgelehnt, nur überdacht und mit neuen Ideen versehen. Denn wer weiß schon, wie es wirklich war, bei der geringen Anzahl an überlieferten Texten.

Die Wahrheit oder Wirklichkeit ist auch nicht so wichtig, handelt es sich doch um einen Roman,  der Sokrates, als „weisesten Mann Griechenlands“ zum normalen homosexuellen Ehemann und Vater mutieren lässt. Xanthippe, hingegen, klug, weitsichtig aber auch mit Eifersucht wachende Mutter  wird neben Athen zur Hauptgestalt.

Sie entdeckt einen Toten hinter dem Wohnhaus, womit sie sich, als Suchende nach den Mördern, am Rande der korrupten Führung des Stadtstaates Athen bewegt. Sokrates, der sich, als Berater des Perikles, Mitglied der Volksversammlung und Lehrer des Alkibiades mitten im Geschehen befindet, wird nur als Leitfigur des Romans verwendet. Das gibt der Geschichte das abstrakt historische Gefüge.

Das goldene Zeitalter des Perikles und der Untergang Athens wird mit dem Geliebten des Sokrates Alkibiades verkleidet. Nicht zuletzt verändert der Autor den Tod Sokrates durch den Schierlingsbecher mit Gift in einen gut getarnten Selbstmord. Der Untergang des freien Athens, sein Alter und die Erkenntnis, seine Zuneigung an Schüler verschwendet zu haben, die seine philosophische, strategische Lehre nicht verstanden hatten oder missbrauchten, sollten ihn veranlasst haben, den Rat zu provozieren und Fluchthilfe auszuschlagen.

Das Buch ermahnt auf indirekte Art, mit besetzten Begriffen wie „Demokratie, launisch und zänkisch wie Xanthippe oder lakonisch zu handeln, bedachter umzugehen.
Die Literatur fiel zeitgleich mit dem Auftritt Barack Obamas an der Siegessäule in Berlin in meine Hände. Wiederum ein Zufall, der sich bewährt, denn die aufgewärmten historischen Ereignisse verpackt in sarkastisches Lächeln und Blick nach Höherem waren den Beschreibungen der Redner im alten Athen nicht unähnlich. Und das Volk gebärdete sich auch ähnlich, „nicht wie ein betrunkenes Weib“ sondern wie Publikum auf der Fanmeile, fahnenschwingend und glücklich lächelnd.

Das Ende des Alphabets

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, Literatur, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags , , am Juli 21, 2008 von Marina`s Woertaworld

Das durchschnittliche Leben eines Ehepaars in einem Haus im vikorianischen Stil in London. Ambrose Zephyr, welch seltsamer Name und noch eigenartiger, Zappora Ashkenazi, genannt Zipper sind die beiden Hauptpersonen. Die beiden Namen deuten auf die Kunstfiguren hin, welche beide Menschen darstellen sollten. Im Gegensatz zu den Namen wird rasch und klar das normale, alltägliche Leben zwischen Arbeit und Sonntagmorgenspaziergang von Ambrose beschrieben. Ein Leben, das plötzlich durch eine Nachricht gestört wird.
 
Auf Seite 18 erfährt Ambrose bei seiner jährlichen Gesundenuntersuchung von seinem Arzt, dass er Vorkehrungen treffen solle. Für die verbleibenden Tage seines Lebens, wie man später erfährt, bestenfalls ein Monat. Eine tödliche Krankheit, mit Sicherheit.

Zipper, wie Zappora genannt wird, begleitet ihren Mann auf seiner Reise durch das Alphabet. Ein Spiel, welches durch die Drucktypensammlung seines Vaters ausgelöst worden war.

„Er zeigte seinem Sohn die in der Eingangshalle ausgestellte Sammlung ausgedienter Holz- und Bleischriften. Dem kleinen Ambrose gefiel es, wie groß und schwer sich die kleinen Drucktypen in seiner Hand anfühlten.“

Die Reise der beiden beginnt in Amsterdam, das A steht für ein Porträt in Amsterdam. Ambrose sprach weder vom Regeln irgendwelcher Dinge, noch suchte er nach alternativen Heilmethoden. Methodisch verfolgt er nach dem B für Berlin die Reise und besucht die Kirche von Chartres wie C.

Zipper, meistens in Weiss, Rot oder Schwarz, ihren Lieblingsfarben bekleidet, verlässt langsam die Geduld, obwohl sie bereits Elba in Eiffelturm verwandelt hatte und sie das F, die Piazza della Signoria in Florenz erreicht hatten.
 

Ambrose stirbt zuhause, nachdem er doch mit seinem Freund ein letztes Treffen vereinbart hatte und seinen Arbeitsplatz als Kreativmitarbeiter bei Dravot, Carneham am Leicester Square ausgeräumt hatte.
„Die Drucktypensammlung, meinte er zu Greta, kannst du behalten.“

Die Ruhe, welche die Erzählung verströmt, steht in krassem Widerspruch zum Kern der Handlung. Trotz des inneren Sturms an Gefühlen, der durch die Diagnose der tödlichen Krankheit ausgelöst wird, ordnet sich das Leben und das Sterben durch das Alphabet. Besonders berührt ist man von der Sicherheit der Erzählung. Kein Wort liest man über den Tod, obwohl er ständig nahe ist. Eine Nähe, als ob kein Blatt Papier zwischen der Vorstellung und Wirklichkeit Platz hätte.

Die Erzählung stammt von Charles Scott Richardson, einem kanadischen Schriftsteller, der derzeit an seinem zweiten Roman arbeitet.

Lapsus

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, Lebenskultur, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags , am April 24, 2008 von Marina`s Woertaworld

Ein Freudscher Versprecher ist ein Lapsus linguae
Zwei Freudsche Versprecher sind Lapsu:s linguae
Diese Lapsu:s Linguae sind Freudsche Versprecher und Zungenbrecher.

„Viele verschieden gestimmte Saiten ergeben erst Harmonie.“ (Joseph Freiherr von Eichendorff)

viel stimmung auf verstummten Saiten verstimmt die Harmonie.

viel harmonie vestimmt die unstimmigen auf vielen seiten.

viele saiten verstummen wenn stimmige harmonie verstummt.

copyright Lapsu:s linguae stimmig: marina de bon

Die Neidgesellschaft von Klaus Bolzano

Veröffentlicht in Gefühle, Gelesen und kommentiert, Lebenskultur mit Tags , , am März 31, 2008 von Marina`s Woertaworld

Klaus Bolzano spricht über eine nationalsozialistische Propaganda, die von vielen unterschätzt wird und zwar über die Begeisterung der Kinder für die Ideologie und den absoluten Wahrheitsanspruch, den man in die Köpfe der Jüngsten gepresst hatte. Nach dem Krieg war mit einem Schlag alles falsch, was bisher für richtig befunden worden war und niemand klärte sie auf, die Zehnjährigen. Warum der Gruss des Führers durch das Grüss Gott, das bis dahin verboten war, abgelöst wurde.

Was war im Gehirn der Kinder nach dem Bruch geschehen und wie wirkte sich diese Indoktrination auf die Einstellungen und Meinungen im Alter aus? Wenn er von der Nachahmungsfähigkeit des Menschen spricht, inwieweit ist der Erwerb im Kindesalter stärker als bewusstes Lernen als Erwachsener? Diese Fragen gelten auch für heutige Erziehung, denn  festgefahrene Überzeugungen sowohl liberaler als auch traditioneller Art wurden mit dem Faschismus nicht abgeschafft.

Doch das ist nicht das eigentliche Thema seines Buches, vielmehr erzählt er über ein häufig verbreitetes Gefühl das menschliches Verhalten diktiert, nämlich den Neid. Niemand sei davor gefeit, dasselbe Objekt zu begehren, das sich bereits im Besitz des anderen befindet.

Die Aufmerksamkeit eines Anderen macht ein Objekt begehrenswert. In diesem Zusammenhang sei es bei Männern der Besitz von Macht  und bei Frauen der Besitz eines Subjekts, sprich den Mann. Wenn es um den Mann geht, werden Frauen neidig, meint er. Einige Frauen im Publikum  lachen an dieser Stelle seines Vortrags im Bildungshaus St. Virgil laut auf. Vielleicht aus Protest, finden es absurd oder weil ihre Gedanken laut ausgesprochen wurden?

Der Grundmechanismus für das Begehren eines Objekts des Anderen liege in der Selbstverachtung und hier werde das Nachahmen von Anderen zur wahnhaften Ideen.  Je größer der Widerstand, desto inniger wird der Besitz oder das Subjekt begehrt. Wenn es nicht mehr zu haben ist, wird es interessant. Die Person nachahmen, die man am meisten verachtet um deren Macht zu erlangen, sei auch ein bekanntes Bild aus der Literatur von Dostoewski oder Heinrich Mann.

Macht ist der Ausgangspunkt für Neid. Die Macht schafft eine Aura, einen Kreis von Auserwählten. Wer dazu gehört ist drinnen und wer ausserhalb steht, ist ein Nichts. Hier erkennt man auch die Ähnlichkeit mit  faschistischem Gedankengut. Eine elitäre Gesellschaft wurde definiert, ein Aussenseiter benannt und die Grenze zwischen beiden dichtgemacht. Der Zugang zu dieser Gesellschaft, der Code war die Selbstverachtung, die Auflösung des Ichs und die absolute Unterwerfung unter das MAN.

Jeder ist gegen jeden und wer nicht pariert wird ausgestossen. MAN ist neidig aufeinander und will das auch besitzen, was der Andere vermeintlich hat. Menschen dieser Kreisstruktur sind zutiefst gedemütigte Menschen.

Erkennt man die Situation ist der Schmerz groß. Man hat nach ANDEREN gelebt und sich selbst verleugnet. Im Selbstwert würde sich die Lösung finden lassen, sofern man die eigene Persönlichkeit im Suchen nach der Anerkennung durch Andere noch findet.

In der liebevollen Nachahmung und im sanften Umgang mit sich selbst ist der Schatz verborgen.

Beschreibung des Buches von  Klaus Bolzano, Die Neidgesellschaft, Goldegg Verlag

Blöde Sätze

Veröffentlicht in Gedacht und kommentiert, Gelesen und kommentiert, Lebenskultur mit Tags am Februar 2, 2008 von Marina`s Woertaworld

Im Mittelstand gedeiht der backhendlessende Spiesser am besten. Wer Moral sagt, will betrügen. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, doch im Mittelstand gedeiht der backhendlessende Spiesser immer noch am besten.

Wer Moral sagt, will betrügen. Moral ist streng, streng ist eng und wer Moral sagt, will doch betrügen.

Wer zuletzt lacht, lacht am besten, doch reichlich spät ist oft gar nicht gut gelacht.

Und zu guter Letzt:
Spott ist der Halbbruder des Ärgers. Wer möchte schon Verwandte ärgern.

Zynismus die Schwester des Zorns. Die Schwester lacht zuletzt und der Halbbruder ärgert sich. Wortlos ist nur die Wut und reichlich spät, ist oft gar nicht gut geärgert. Daher wer zuletzt lacht und sich zu spät ärgert hat das Nachsehen, schön blöd.

Die Mittagsfrau von Julia Franck

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, Lebenskultur mit Tags am Januar 21, 2008 von Marina`s Woertaworld

Warum nehme ich ein Buch vom winzigen voll gestopften Tresen der Kasse meiner Bestellbuchhandlung?

Wohlgemerkt, nicht meiner Lieblingsbuchhandlung,sondern das Geschäft, in dem jene Bücher bestellt werden, die empfohlen wurden. „Das Leben als letzte Gelegenheit“ mit dem Untertitel „Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit“ von Marianne Gronemeyer ist eines jener Bücher das darauf wartet, bestellt zu werden.

Doch zurück zur eingangs gestellten Frage.

Die Mittagsfrau, der Titel hat mich nicht angesprochen, es war die Lausitz und die kurze Beschreibung von Helenes Leben, die ihre Träume gegen alle Konventionen verwirklicht, das mich angesprochen hatte. Glücklicherweise nehme ich ein Buch in die Hand und betrachte sofort die Rückseite, die hat mich angesprochen und exakt diese Handlung ist eingetroffen.

1945. Die Flucht aus Stettin in Richtung Westen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Vorpommern. Helene hat ihren siebenjährigen Sohn durch die schweren Kriegsjahre gebracht. Nun, wo alles überstanden, alles möglich scheint, lässt sie ihn allein am Bahnsteig zurück und kehrt nie wieder. Julia Franck erzählt das Leben einer Frau in einer dramatischen Zeit – und schafft zugleich einen großen Familienroman und ein eindringliches Zeugnis.

An einem Abend las ich vom Leben der Martha und Helene in Bautzen, die Mittagsfrau kam nur einmal vor und ich habe vergessen welche Bedeutung dem Fluch der Mittagsfrau zukommt.

Die Hauptperson im Prolog und Epilog ist Peter, Sohn von Helene. Peter muss während des Krieges oft in der Wohnung auf seine Mutter warten, die als Krankenschwester arbeitet. Während eines Bombenalarms findet er unter Mutter`s Kopfpolster einen Brief seines Vaters, den Soldatenvater den er nur selten gesehen hat. Die Mutter ist für ihn die schönste Frau der Welt. Sie spricht nicht viel und erklärt noch weniger, daher will er sie nach dem Inhalt des Briefes nicht fragen. An einem Tag nach Ende des Kriegs kommt Peter nach Hause, die Tür ist aufgebrochen und er muss zusehen, wie drei Soldaten seine Mutter vergewaltigen. Die Mutter schweigt, packt die wenigen Habseligkeiten in den Koffer und fordert Peter auf, mitzukommen. Zum Bahnhof, endlich sollten sie mit dem nächstmöglichen Zug nach Berlin fahren. Am Bahnhof fordert die Mutter ihn auf, beim Koffer zu warten.
 
Sie geht weg und lässt ihn allein.

Diese Szene macht mich traurig, das Lesen wird für eine Weile unterbrochen.
Der Roman beschreibt nun in einer Rückblende Helenes Kindheit in Bautzen. Die erotische Beziehung, zu ihrer Schwester Martha und das Leben mit der verrückten Mutter, deren Sammlertick das Haus zusehends anfüllt. Die Mutter kann als Jüdin wohl die Ignoranz der Bautzener „guten Gesellschaft“ nicht mehr ertragen.  Sie wird nicht gegrüßt und hat außerhalb der Familie keinen Kontakt zu Menschen. Während des ersten Weltkriegs, der Vater musste zur Armee, lernt Helene recht und schlecht das Druckerhandwerk, damit der Druckergehilfe entlassen werden kann. Die Mittel werden knapp, Martha wird Krankenschwester und ihr Lohn ist willkommener Beitrag zum Familieneinkommen. Der Vater kehrt mit einem Bein zurück, Martha pflegt und versorgt ihn mit Morphium. Dabei findet sie auch Gefallen an der Spritze.

Wiederum eine Schlüsselszene, das Morbide in der Familie, das Drama der Zwischenkriegszeit.

Diese Szene macht mich neugierig,  ich will wissen, wie die Familiengeschichte endet.

Julia Franck entführt einem in eine unwahrscheinliche Welt, sie schildert schreckliche Szenen im Buch. Man kann sich den langsam faulenden Stumpf des Vaters vorstellen. Sein Sterben und der Wahnsinn der Mutter bestimmen die Szenen. Daneben erfährt man von einem selbsterklärten Freund des Hauses, ein älterer Mann, der sich am Anblick der Mädchen delektiert und täglich zum Essen kommt. Einer der wenigen realen Bezugspunkte der Geschichte in diesem Abschnitt ist Mariechen, die Haushälterin, die für den gewohnten täglichen Ablauf sorgt.

Nach dem Tod des Vaters beginnt ein Schriftverkehr der beiden Mädchen mit Tante Fanny, einer Cousine der Mutter. Nun wird auch klar, dass die Mutter aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von den Bürgern Bautzens abgelehnt wurde, wie es im ersten Teil sehr gut beschrieben ist. Aufgrund der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Situation, nehmen die Beiden die Einladung der Tante nach Berlin gerne an.

Als Leserin denke ich immer wieder an Peter, sein Schicksal ist im Hinterkopf verankert. Durch die Spannung wird Peter lebendig und ich mache mir Gedanken, wie es ihm ergangen ist. Ich kann es kaum erwarten, dass Helene erwachsen wird. Wird sie ihn suchen und kann sie ihn wieder finden, was passiert mit dem Jungen? Dabei überfliege ich einige Seiten, eigentlich schade.

Tante Fanny lebt kein bürgerliches sondern ein sehr liberales Leben in ihrer großen Wohnung in Berlin. Martha fügt sich sehr schnell ein, insbesondere das sie nun die Chance hat, mit ihrer früheren Liebe, Leontine zeitweilig zusammen zu leben, ohne den Blicken und der Abwertung der Gesellschaft ausgesetzt zu sein. Helene flüchtet in die Beziehung zu Carl Wertheimer, sie liebt und lebt mit ihm einige Jahre in einer Dachkammer. Den Unterhalt verdient sie in einer Apotheke und Carl erhält Geld von seinen Eltern. Die Eltern lernt sie erst nach dem Tod von Carl kennen. An jenem Tag an dem er die Ringe kaufen möchte, wird er als Radfahrer von einem Auto angefahren und stirbt am Unfallort.

Nun muss Helene wieder zurück zur Tante. Die Situation wird immer schwieriger und Helene versucht nun auch als Krankenschwester zu arbeiten. Mit Beginn des Krieges lernt sie ihren späteren Mann, den überzeugten Nationalsozialisten kennen.

Obwohl der Krieg nicht zentral beschrieben wird, sind die beiden Kriege ständig präsent. Die Zwischenkriegszeit stellt nur eine Vorbereitung auf den nächsten Krieg dar. Es sind viele Faktoren, wie Geldentwertung, kranke Menschen aus dem ersten Weltkrieg und die zunehmende Ablehnung der jüdischen Bevölkerung, die keine Normalität des Lebens zulassen.

Der Nationalsozialist Wilhelm hat ein Auge auf Helene geworfen und wird von ihr ständig zurückgewiesen, vielmehr hingehalten. Sie treffen sich im Cafe, Helene schweigt und die wenigen Unterhaltungen sind ohne Inhalt. Es sieht dies als schüchterne Zurückhaltung und ist glücklich, dass Helene ihm dann doch die Zustimmung zur Ehe gibt. Nach der ersten Nacht, als er bemerkt, dass Helene keine Jungfrau ist, fühlt er sich betrogen und behandelt sie forthin als Sklavin. Als Helene schwanger wird, verschwindet er aus beruflich – parteilichen Gründen und kümmert sich weder persönlich noch finanziell um das Schicksal von Helene und Peter, den gemeinsamen Sohn.

Jahre später, im Epilog erfährt man, dass Peter`s Mutter einen Zettel mit der Adresse des Onkels, einen Bruder von Wilhelm im Koffer deponiert hatte. Auf dem Bauernhof des kinderlosen Ehepaars wird Peter als Arbeitskraft benutzt, erfährt wenig Anerkennung aber das Überleben ist sicher gestellt.
Am 18. Geburtstag kündigt sich Helene bei Peters Onkel an. Ausgerechnet an seinem Geburtstag taucht sie am Hof auf und Peter versteckt sich. Er ist unendlich wütend auf seine Mutter und möchte sie nicht treffen. Mit der Abreise der Mutter, die ihren Sohn nicht mehr getroffen hatte, endet die Geschichte.

Eine Geschichte, verpackt in eine Studie dieser Zeit. Die Personen werden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, die Erzählung ist besonders durch die zeitliche Verschiebung voll Spannung und Erwartung.

Das Buch von Julia Franck hat den Deutschen Buchpreis erhalten.

Der Klappentext unterscheidet sich ziemlich von meiner Wahrnehmung des Gelesenen:

„Eine idyllische Kindheit in der Lausitz am Vorabend des ersten Weltkriegs, das Berlin der goldenen Zwanziger, die große Liebe: So könnte das Glück klingen, denkt Helene. Aber steht ihr die Welt wirklich offen? Helene glaubt unerschütterlich daran, folgt ihren Träumen und lebt ihre Gefühle – auch gegen die Konventionen einer zunehmend unerbittlichen Zeit. Dann folgt der zweite große Krieg, Hoffnungen, Einsamkeit – und die Erkenntnis, dass alles verloren gehen kann. Julia Franck erzählt in ihrem großen neuen Roman ein Leben, das in die Mühlen eines furchtbaren Jahrhunderts gerät, und die Geschichte einer faszinierenden Frau.“

Ich habe keine Sekunde Idylle entdecken können. Vielleicht ist die Vorstellung von Idylle eine zutiefst individuelle Wahrnehmung?

CALAMI

Veröffentlicht in Gedacht und kommentiert, Gelesen und kommentiert, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags am Dezember 28, 2007 von Marina`s Woertaworld

Calami, was bedeutet das?

 Calami rhizoma (Acorus calamus L.) Deutscher Ingwer oder Kalmuswurzel dient der Foerderung der Verdauungsfunktion und der Appetit wird angeregt.

Lapsus calami, Freudscher Verschreiber

Le lapsus freudien est très rare à l’écrit. On ne peut pas le confondre avec des fautes d’orthographe ni des fautes de frappe car, comme un acte manqué, il est en général réussi et la plupart du temps on le corrige tout de suite.

Lapsus calami is a latin phrase meaning, „a slip of the pen“. Since I’m not talking its not „a slip of the tongue“, get it?

Calami, Kalam ist ein arabisches Wort Kalam ist Reden, Sprechen oder (K)alami = Meine Rede

Ich habe keine Ahnung, wozu ich heute schreibe?

Leben im Jetzt von Eckhart Trolle

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, leben mit Tags , am Dezember 10, 2007 von Marina`s Woertaworld

Eckhart Tolle – Leben im Jetzt.
Lehren, Übungen und Meditationen aus „The Power of Now“

Nana, warum möchte der Autor anstelle von „Gott“ das Wort „Sein“ positionieren?

Das Wort Gott durch das Wort Sein zu ersetzen ist nicht nur ein Wort ersetzen. Kollektives Bewusstsein soll und wird damit neu geschaffen. Ein ähnlicher Vorgang passiert, wenn einem gnädigst erlaubt wird, anstelle von Gott das Wort Universium zu verwenden. „Political correctness“ oder besser „spiritual correctness“, in einer säkularen Gesellschaft ist es irgendwie wichtig, allen gerecht zu werden. Jedem das gleiche Recht, seine oder ihre spirituelle Welt begrifflich zu erlebne.

Der Mensch im Jetzt, das über dem Denken reflektierende und völlig im Hier verhaftete Wesen, ersetzt das Sein von „Gott“. Ob das gut geht? Entweder ist es ein Instrument zur besseren Vermarktung des Buches oder die Revolution einer wohlüberlegten Philosophie?
Eine Bekannte lebt seit unendlich vielen Jahren in Barbardos, sie hat mir, nachdem ich diesen Text schrieb die Bücher von Eckhart Trolle empfohlen. Eine andere Lebenskultur gibt vielleicht einen neuen Zugang zu spirituellen Begriffen, wer weiß. Vielleicht war mein Urteil zu hart? und das Buch ist von allem ein bisschen – Religion – Glaube – Philosophie, Marketing – Spiritualität…

Meine Gedanken zum Buch

Die letzte Sure von Zoe Ferraris

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, leben mit Tags , am Dezember 10, 2007 von Marina`s Woertaworld

Das Buch musste ich an einem Tag und einem Abend lesen.

Die letzte Sure ist zwar als Kriminalroman tituliert, der Inhalt beschreibt jedoch vielmehr die Stimmungen und Gefuehle zweier Menschen einer mir sehr fremden Kultur.

Der Ort an dem diese Menschen leben, ist Dschidda in Saudi Arabien, die westliche Welt scheint Lichtjahre entfernt zu sein.

Katja, eine junge Araberin und Naydir sind die Hauptpersonen, welche nach einer ermorderten 16 jaehrigen Frau aus reicher Familie suchen. Die Leiche wird gefunden und ein Raetsel reiht sich an das andere. Die Suche gibt einen Einblick in das Leben religiöser, glaeubiger Menschen und in die zweite Welt des Reichtums. Wobei der Reichtum aussergewohnlich erworben wurde, durch das Zakat und die Verwaltung dieses GEldes.

Der Fall, der einzig durch einen Mantel des Columbo und eine nicht wirklich gewuenschte Suche nach dem Mörder erst zum Fall wird, wird geloest. Die Schwester hat das Maedchen aus Eifersucht getoetet. Der Adoptivbruder war Geliebter und der zukuenftige Mann war mittlerweile fuer die Moerderin bestimmt.

Naydir und Katja lernen einander kennen und lieben, schöne, wunderbare und fremde Gefuehle werden gezeichnet. Die Beschreibung von Traditionen, das Anlegen des Neqab, dem Erkennen einer Frau an den Augen und vieler anderer Details geben Aufschluss ueber eine unbekannte Welt.

Wieder ein kleiner Baustein zum besseren Vestaendnis anderer Lebenswelten.
Woerter als Schluessel zum Leben der anderen.

Rezension: http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id_book=4182