Bennett führt so clever wie charmant vor, was Literatur mit einem anstellen kann.“ konstatiert die Neue Zürcher Zeitung.
„Eine Liebeserklärung an die Queen und an die Literatur – wer hätte gedacht dass das zu sammenpasst?“ steht am samtroten Buchumschlag. Und wer das Buch von vorne betrachtet, wird vom Porträt der Queen überrascht. Sie lugt hinter einem Mauervorsprung in das Rot der Buchhülle. Als ob sie Interessierte prüfte, ob sie der Literatur wegen in die Welt von Bennett einträten.

Der Inhalt von 95 Viertelseiten ist rasch erzählt. Die Queen beginnt sich für Literatur zu interessieren. Sie liest bei allen Gelegenheiten, was an sich kein Problem darstellen würde, da sie weiterhin diszipliniert die Rolle der Monarchin erfüllt. Was jedoch für das Hofprotokoll wesentlich herausfordernder ist, dass sie bei Festessen ihre Besucher fragt: „Was haben sie zuletzt gelesen“. Eine an und für sich einfach Frage, die mit einem Titel zu beantworten wäre, hätte man gelesen und könnte sich daran erinnern. Mit Taktgefühl weicht sie aus und erzählt von jenem Buch, das sie im Moment beschäftigt.
In den vorangegangenen 50 Jahren der Regentschaft hatte sie des öfteren, absichtlich kleine Missgeschicke zugegeben, eben jene menschlich kleinen Fehler, die auch eine Queen zum „normalen Volk“ zugehörig machen. Es bewirkte eine Entspannung der Gespräche, wobei sie selbstverständlich die gesonderter Position beibehielt und das Gespräch lenkte. So fragte sie zum Beispiel ihre Audienzbesucher über die Anreise mit dem PKW und konnte ausgezeichnet, jene Stausituationen benennen, die die Verkehrssituation des Besuchers belastet haben könnte. Das zeichnete sie aus, über Alltagsprobleme ihrer Untertanen Bescheid zu wissen.
Doch seit sie las, stellte sie andere, unvorhergesehene Fragen.
Sie hatte auch einen jungen Mann eingestellt, der für sie las. Er saß vor ihrer Tür und hatte den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als zu lesen, bis er gerufen wurde um über das Gelesene mit seiner Majestät zu sprechen. Nach einem Staatsbesuch in Kanada, war Norman, so hieß er, nicht mehr an seinem Platz. Norman erfuhr nie, ob ihn die Queen nicht mehr wollte oder der Privatsekretär die treibende Kraft hinter dem Angebot gewesen war, ein Studium an der Universität zu beginnen. Und die Queen fragte auch nicht, wohin Norman verschwunden war. Menschen kamen und gingen in ihrem Leben, sie wurde ja auch selten informiert, wenn jemand krank wurde.
Sir Kevin der Privatsekretär versuchte, nachdem die Gespräche über den momentanen Zustand Queen zunahmen, unterschiedliche Strategien zur Lösung der Probleme, bis ihm die Queen eines Tages auch den Schreibtisch räumen ließ. Hintergangen zu werden, war ihrer Aufmerksamkeit nicht entgangen.
Am achtzigsten Geburtstag, der Premier war zum Essen geladen, provozierte sie die Anwesenden mit der Frage: „Hat jemand von Ihnen Proust gelesen?“
Dabei möchte ich es belassen, denn das Ende dieses Auftritts ist so humorvoll wie viele der in roten Samt gehüllten Zeilen.
Alan Bennett „Die souveräne Leserin“
Eine wunderbare, vielschichtige Literatur, HP sei bedankt für das Geschenk!