Archiv für Literatur

wie ein Vulkan, auf Thomas Bernhard`s Spuren 2

Veröffentlicht in Worte-Woerter-Wortgebilde, leben mit Tags , , am Oktober 7, 2008 von Marina`s Woertaworld

Momentan würde ich es so bezeichnen, ja, ich bin Thomas Bernhard auf den Fersen.  Auf den Spuren von Th. B. zu sein, ist angeblich nicht möglich, weil er nicht fassbar und kaum interpretierbar ist . Keine Typologie und kein System ist anwendbar. Seine sprachliche Dichte in Verbindung mit der Abneigung des nörgelnden Einzelgängers  gegen seine unmittelbare Umgebung in Österreich macht sein Schreiben einzigartig. Er hinterlässt Krater, keine Spuren.

Ich habe bei der Suche nach fruchtbarer Asche aus Bernhardschen Vulkanausbrüchen einen speziellen Blog gefunden, der Zitate und Originalaussagen zeigt, einfach lesenswert.

auf den Spuren von Thomas Bernhard I

Veröffentlicht in Gesehen und geschrieben, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags , , , am Oktober 5, 2008 von Marina`s Woertaworld

„Es ist ein ständiges zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Kopfes Denken und zwischen allen Möglichkeiten eines menschlichen Hirns Empfinden …“

Der Gehweg beginnt an Thomas Bernhard`s Wohnhaus, führt an Wiesen vorbei, schlängelt sich durch den Wald und endet wiederum am Bauernhaus. Die Sessel markieren die Raststätten des Denkens, der Weg der für die Landessausstellung 2008 gemacht wurde, heißt gehen denken, Thomas Bernhard Weg. Der Sessel mit der Nummer 10 lädt zum Philosophieren über das Hirn, dem Sitz allen Tuns ein.

Thomas Bernhard und seine ironische Bewertung des Alltags. Die handelnden Personen in seinen Dramen, Erzählungen und Romanen erkennen sich sofort wieder und doch nicht. Mit Erschrecken oder Erstaunen stellen sie fest, so war der Mensch, den ich kannte, in Wirklichkeit doch gar nicht. Sie reagieren mit Trotz und Zorn kommt auf, weil Geschriebenes doch stimmen müsse. Es ist auch richtig und wahr, jedoch aus der Sicht eines anderen, eines Schreibenden.

Sessel Nummer 9 beschreibt also in gewohntem Spott und wenigen, sehr prägnanten Sätzen den Arbeitsalltag zweier Berufsgruppen, deren Alltag eng verbunden war, jener der Bierführer und Wirtinnen.

Aus der Sicht Thomas Bernhards, wohlgemerkt.

 “Eine Bierführerexistenz sein, dachte ich, und Tag für Tag Bierfässer auf- und abladen und durch die Wirtsvorhäuser Oberösterreichs rollen und mit all diesen verkommenen Wirtinnen immer wieder zusammensitzen und jeden Tag todmüde ins Bett fallen, dreißig Jahre, vierzig Jahre lang.“

Mit exakt dieser ironischen Betrachtung der Menschen seiner Umgebung hat er sich keine Freunde gemacht. Die Existenzen können real zugeordnet und identifiziert werden. Nicht immer sind sie mit seiner Kategorisierung von Lebenssinn und Bewertung des Alltags einverstanden. Eine Diskrepanz von literarischer und realer Existenz, Selbst- und Fremdbild  oder um es mit Paul Watzlawick auszudrücken. „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“

Heute hatte ich nachgelesen, dass der WEG keinesfalls gedacht war, sich auf die Spuren von Thomas Bernhard zu machen. Ich bleibe bei meinem Titel, möchte ich doch am Wochenende das Thomas Bernhard Museum in St. Veit im Pongau und das Symposium besuchen.

copyright: Fotos: Bildkarten vom Thomas Bernhard Weg, gehen denken. Texte aus Thomas Bernhards: Der Untergeher; Thomas Bernhards: Gehen.

Orhan Pamuk liest bei den Salzburger Festspielen

Veröffentlicht in Gehört und kommentiert, Lebenskultur mit Tags , am August 12, 2008 von Marina`s Woertaworld

Orhan Pamuk hat es nicht nötig politische Stellungnahmen abzugeben. Seine Literatur ist pure Gesellschaftspolitik und zudem noch unterhaltsam.

Es begann in hellem Licht und bei gutem Ton im Saal des Mozarteums. Der Rahmen des Bildes hinter den beiden Tischen und Sesseln auf denen der Autor und Helmut Lohner Platz nahmen war diesmal dem Bild gewidmet. „Ich bin ein Bild“ lautet der Titel, H. Lohner beginnt zu lesen. Ich brauche einige Zeit mich an die Stimme in diesem Raum zu gewöhnen, die Menschen sind unruhiger und die 8. Reihe war keine gute Entscheidung, egal, das Wesentliche war da.

Pamuk haucht den Dingen Leben ein, er beatmet sie, bis sie auftreten und vehement ihre Meinung sagen. Der Hund auf dem Bild klagt sein Leid über seine ihm angedichtete Unreinheit und die beiden Derwische erzählen von der Wanderschaft. Das Pferd betont sein Geschlechtsorgan, leises Lachen im Saal, die Sexualität wird weder verschämt versperrt noch ausgeschlachtet sondern ohne Obszönität ausgesprochen.

Er ist ein Meister der Erfindung, wenn das Bild aus dem Osmanischen Reich des sechzehnten Jahrhunderts zu plaudern beginnt. Gleichzeitig beschreibt er akribisch, und hier muss ich das Wort westlich verwenden, mit Präzision und Sachorientierung einzelne Handlungen. Vorgänge werden gezeichnet, als gälte es, eine Bedienungsanleitung für komplizierteste Technik zu verfertigen.

 

Sein letzter Bildausschnitt ist dem Teufel gewidmet, der sich heftig darüber beschwert, von Allah veranlasst worden zu sein, sich vor dem Menschen zu verbeugen. Um Aufschub seines Lebens bis zum jüngsten Gericht habe er gebeten und die Genehmigung erhalten. Doch für den Stil der fränkischen Malerei, den Menschen im Porträt detailgetreu und wiedererkennbar zu malen, sei er nicht verantwortlich, bei Gott oder beim Teufel nicht. Denn das wäre ähnlich einer Verbeugung vor dem Menschen und das hatte er kategorisch abgelehnt. Ein passender Schluss, dachte ich.
Das Cafe als Ort der öffentlichen Meinung und deshalb gefährlich, ist nur ein Gedanke, den es gilt, mitzunehmen. Literarisch gesagt, wird der gesundheitliche Aspekt des Kaffees angesprochen, politisch literarisch entsteht eine Geschichte…

 Die Idee, immer die Geschichte hinter dem Bild mitzunehmen, war wohl deshalb so eindringlich, weil er auch ein sehr guter Maler geworden wäre. Ich freue mich auf seine künftigen Bücher, in denen er vielleicht Fassaden, Häuser und Brücken zum Sprechen bringt. Orhan Pamuk, als Dichter zu Gast war und ist mit seinen Werken Bereicherung des Alltags.

Orhan Pamuk stellt seinen neuen Roman vor

Veröffentlicht in Gehört und kommentiert, Lebenskultur, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags , , am August 8, 2008 von Marina`s Woertaworld

Die Felsenreitschule als Hintergrund für eine Dichterlesung ist ein absolut ungewöhnlicher Ort. Der Rahmen wurde noch verdichtet, indem ein überdimensionaler goldener Bilderrahmen hinter zwei Tischchen und zwei Sesselchen gruppiert waren.  Während vor dem Rahmen gelesen wurde, erschienen innerhalb dieses Bilderrahmens Objekte, möglicherweise Sammelobjekte aus dem zukünftigen „Museum der Unschuld“.

 

Orhan Pamuk beginnt in türkischer Sprache zu lesen, das Publikum schweigt und Helmut Lohner schaut ein wenig ungläubig zu seinem Partner, rechts von ihm. Der Nobelpreisträger erläutert die Situation, es ist die erste Lesung des am 1. September in der Türkei und am 6. September in deutscher Sprache erscheinenden 600 seitigen Werks, Museum der Unschuld.

Der Stil des Schreibens hat sich gegenüber den früheren Romanen nicht verändert, detailgetreu nimmt man am Leben des Protagonisten Kemal und seiner Liebe zu einer Frau teil. 8 Jahre lang geht er beinahe jeden Tag zum Essen zu seiner Angebetenen, von Tante und Onkel als entfernter Verwandter bezeichnet, um den Nachbarn die Möglichkeiten zum Tratsch zu nehmen. Diese Anbetung wird beinahe zur Obsession, sie verstärkt sich durch die Leidenschaft des Sammelns jener Gegenstände, die von ihr, der Geliebten berührt wurden. Dazu gehören auch 4.213 Zigarettenkippen, die jede auf ihre Weise von der Frau mit mehr oder weniger Gefühl ausgedrückt wurden.

Diese Sammelleidenschaft bringt Orhan Pamuk auf den Punkt als er von seinem geplanten Museum in Istanbul spricht. Jene Strassen, die er täglich benutzte, während der Jahre, als er seine Tochter zur Schule brachte und am Roman schrieb, sollten dem Leser durch das Museum zur Wirklichkeit werden. Noch sind es Sammlungen, aber irgendwann, meint der Autor…

Besonders berührend, beinahe verlegen erzählt der  Nobelpreisträger wie Hauptdarsteller eines Romans langsam lebendig werden.
„Nach vielen Jahren des Schreibens werden sie einem vertraut, leben beinahe mit dem Erfinder, man kennt alle Marotten und Eigenschaften seiner Darsteller. Ist der Beginn eines Romans ein weißes Blatt, beinahe unangenehm, so ist das Ende eine Freude, wenn die Personen ins Leben entlassen werden. „
Wunderschön hat er dies erzählt, die Zuhörer/innen in der Felsenreitschule geben Zwischenapplaus.

Helmut Lohner besitzt eine ausserordentliche Stimme, die ausgezeichnet die Stimmung des morbiden Romans zur Geltung bringt. Die „upper class“ der Jahre 1975 bis 1985 in der Türkei wird beschrieben, das Regime mit einer Nebenbemerkung der „Nachtruhe“ bzw. „Ausgangssperre“ gestreift.

Ein typischer Pamuk könnte man beinahe behaupten, obwohl man nur einige Seiten gehört hat. Glücklicherweise hat sich der Stil trotz des Rummels um seine Person nicht verändert, er wirkt fast schüchtern und nach dem Applaus sieht man ein Lächeln im Gesicht.

Die Zurückhaltung zu politischen Fragen ist empfehlenswert, wenn Orhan Pamuk verallgemeinernd vom sogenannten „Westen“ spricht. Ein Wort, dass es ebenso, wie den „Osten“ inklusive der Türkei nicht gibt. Das wäre Iran, Saudi Arabien, Pakistan und Türkei in einen Topf zu werfen. Sowohl aus seinen Büchern als auch bei der heutigen Präsentation ist ein leiser Komplex heraus zu hören. Die Verwestlichung der Türkei unter Atatürk in den 1930ern hat der wohlhabenden Schicht möglicherweise Kapital gebracht aber auch Selbstbewusstsein genommen. Diese Stimmung wird am Beispiel sichtbar, wenn er im Roman Istanbul die islamische Religiosität den Dienstboten zuweist oder über die Musik der Salzburger Festspiele spricht.

Es gilt nachzudenken, welcher Einfluss auf eine Gesellschaft wirkt, dessen historische Wurzeln, das Osmanische Reich abgeschafft wurden und eine neue türkische Nation mit Gewalt, Indoktrination aer auch Überzeugung eingeführt wurde.  Die Folgen davon sind Schlagzeilen in den Nachrichten. Als sogenannte „westliche Bewohnerin“ kann man dies nicht beurteilen nur wahrnehmen. Durch die Literatur von Orhan Pamuk wird der Horizont erweitert, auf jeden Fall.

Ein Mann namens Sokrates von Gerald Messadié

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags , , , am Juli 27, 2008 von Marina`s Woertaworld

„Als in ihrer Straße ein Mord geschieht, will die Frau des berühmten Sokrates das Verbrechen aufklären und sieht sich im goldenen Zeitalter der Demokratie im antiken Griechenland mit Skandalen und Korruption konfrontiert.“

Das Buch fiel mir in die Hand, zufällig, wie einem Themen zufallen, für die man Bereitschaft zeigt. Der Kampf der Demokratie versus der Tyrannei oder dem Oligarchentum im Athen des „goldenen Zeitalters“ könnte man das historische Kernthema dieses Romans bezeichnen. Angelehnt an die Biographie und das Leben von Sokrates und Xanthippe werden festgeschraubte Bilder des Seins aufgrund von Erzählungen oder erworbenem Gelernten lose gemacht. Nicht überworfen oder gar abgelehnt, nur überdacht und mit neuen Ideen versehen. Denn wer weiß schon, wie es wirklich war, bei der geringen Anzahl an überlieferten Texten.

Die Wahrheit oder Wirklichkeit ist auch nicht so wichtig, handelt es sich doch um einen Roman,  der Sokrates, als „weisesten Mann Griechenlands“ zum normalen homosexuellen Ehemann und Vater mutieren lässt. Xanthippe, hingegen, klug, weitsichtig aber auch mit Eifersucht wachende Mutter  wird neben Athen zur Hauptgestalt.

Sie entdeckt einen Toten hinter dem Wohnhaus, womit sie sich, als Suchende nach den Mördern, am Rande der korrupten Führung des Stadtstaates Athen bewegt. Sokrates, der sich, als Berater des Perikles, Mitglied der Volksversammlung und Lehrer des Alkibiades mitten im Geschehen befindet, wird nur als Leitfigur des Romans verwendet. Das gibt der Geschichte das abstrakt historische Gefüge.

Das goldene Zeitalter des Perikles und der Untergang Athens wird mit dem Geliebten des Sokrates Alkibiades verkleidet. Nicht zuletzt verändert der Autor den Tod Sokrates durch den Schierlingsbecher mit Gift in einen gut getarnten Selbstmord. Der Untergang des freien Athens, sein Alter und die Erkenntnis, seine Zuneigung an Schüler verschwendet zu haben, die seine philosophische, strategische Lehre nicht verstanden hatten oder missbrauchten, sollten ihn veranlasst haben, den Rat zu provozieren und Fluchthilfe auszuschlagen.

Das Buch ermahnt auf indirekte Art, mit besetzten Begriffen wie „Demokratie, launisch und zänkisch wie Xanthippe oder lakonisch zu handeln, bedachter umzugehen.
Die Literatur fiel zeitgleich mit dem Auftritt Barack Obamas an der Siegessäule in Berlin in meine Hände. Wiederum ein Zufall, der sich bewährt, denn die aufgewärmten historischen Ereignisse verpackt in sarkastisches Lächeln und Blick nach Höherem waren den Beschreibungen der Redner im alten Athen nicht unähnlich. Und das Volk gebärdete sich auch ähnlich, „nicht wie ein betrunkenes Weib“ sondern wie Publikum auf der Fanmeile, fahnenschwingend und glücklich lächelnd.

auf den Spuren von Georg Trakl (7)

Veröffentlicht in Gesehen und geschrieben, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags , , , am Juli 26, 2008 von Marina`s Woertaworld

Der Besuch in Hellbrunn „schreit“ nach Sonne und Ruhe, die Stille des Parks schläfert die innere Stimme ein. Es gibt nahe Geräusche, wie das Knirschen vom Kies, wenn einzelne Menschen näher kommen. Das Plätschern des Wassers, welches der „Triton“ speit, ist schon weiter weg. Und ganz entfernt hört man die Motoren der Straße. Eine friedliche Stille, die manchmal durch den jähen Ton einer Lautsprecheranlage unterbrochen wird.
 
„Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen, sie wurden etwas erfrischt, wir wünschen Ihnen einen schönen Tag in Salzburg!“ verkündet  in regelmäßigen Abständen eine Männer- oder eine Frauenstimme. Sie führen durch die Wasserspiele des Erzbischofs und manchmal, etwas weiter weg, hört man das Lachen der Besucher, die von den unterschiedlichen Figuren nass gespritzt wurden.
 

Das Gedicht „Die drei Teiche in Hellbrunn“ befindet sich etwas versteckt an der Seitenwand einer ungenutzten Grotte. Es ist, meiner Meinung nach nicht der beste Text von Trakl, vermittelt er doch nicht mehr Bilder, als jene, die im Park ins Auge stechen. Eine Wiederholung und wenig Bewegung.

Ein Gedicht, träge wie die dunklen Fische im Wasser.

… das Gedicht aus der Ferne …
… drei Teiche in Hellbrunn …
… der wasserspeiende Triton plagt sich Tag und Nacht …

… und das Füllhorn, das über unseren Kopf ausgeschüttet wird, wenn wir uns nur nahe genug an das Glück heranwagen. Was nicht immer einfach ist, zugegeben.

 

Die drei Teiche in Hellbrunn

2. Fassung

Hinwandelnd an den schwarzen Mauern
Des Abends, silbern tönt die Leier
Des Orpheus fort im dunklen Weiher
Der Frühling aber tropft in Schauern
Des Nachtwinds silbern tönt die Leier
Des Orpheus fort im dunklen Weiher
Hinsterbend an ergrünten Mauern.

Ferne leuchten Schloß und Hügel.
Stimmen von Frauen, die längst verstarben
Weben zärtlich und dunkelfarben
Über dem weißen nymphischen Spiegel.
Klagen ihr vergänglich Geschicke
Und der Tag zerfließt im Grünen
Flüstern im Rohr und schweben zurücke -
Eine Drossel scherzt mit ihnen.
Die Wasser schimmern grünlichblau
Und ruhig atmen die Zypressen
Und ihre Schwermut unermessen
Fließt über in das Abendblau.
Tritonen tauchen aus der Flut,
Verfall durchrieselt das Gemäuer
Der Mond hüllt sich in grüne Schleier
Und wandelt langsam auf der Flut.

(Georg Trakl)

Dies war das letzte Gedicht von Georg Trakl aus dem Stadtgebiet von Salzburg. Morgen beginnt ein neuer Zyklus.

Das Ende des Alphabets

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, Literatur, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags , , am Juli 21, 2008 von Marina`s Woertaworld

Das durchschnittliche Leben eines Ehepaars in einem Haus im vikorianischen Stil in London. Ambrose Zephyr, welch seltsamer Name und noch eigenartiger, Zappora Ashkenazi, genannt Zipper sind die beiden Hauptpersonen. Die beiden Namen deuten auf die Kunstfiguren hin, welche beide Menschen darstellen sollten. Im Gegensatz zu den Namen wird rasch und klar das normale, alltägliche Leben zwischen Arbeit und Sonntagmorgenspaziergang von Ambrose beschrieben. Ein Leben, das plötzlich durch eine Nachricht gestört wird.
 
Auf Seite 18 erfährt Ambrose bei seiner jährlichen Gesundenuntersuchung von seinem Arzt, dass er Vorkehrungen treffen solle. Für die verbleibenden Tage seines Lebens, wie man später erfährt, bestenfalls ein Monat. Eine tödliche Krankheit, mit Sicherheit.

Zipper, wie Zappora genannt wird, begleitet ihren Mann auf seiner Reise durch das Alphabet. Ein Spiel, welches durch die Drucktypensammlung seines Vaters ausgelöst worden war.

„Er zeigte seinem Sohn die in der Eingangshalle ausgestellte Sammlung ausgedienter Holz- und Bleischriften. Dem kleinen Ambrose gefiel es, wie groß und schwer sich die kleinen Drucktypen in seiner Hand anfühlten.“

Die Reise der beiden beginnt in Amsterdam, das A steht für ein Porträt in Amsterdam. Ambrose sprach weder vom Regeln irgendwelcher Dinge, noch suchte er nach alternativen Heilmethoden. Methodisch verfolgt er nach dem B für Berlin die Reise und besucht die Kirche von Chartres wie C.

Zipper, meistens in Weiss, Rot oder Schwarz, ihren Lieblingsfarben bekleidet, verlässt langsam die Geduld, obwohl sie bereits Elba in Eiffelturm verwandelt hatte und sie das F, die Piazza della Signoria in Florenz erreicht hatten.
 

Ambrose stirbt zuhause, nachdem er doch mit seinem Freund ein letztes Treffen vereinbart hatte und seinen Arbeitsplatz als Kreativmitarbeiter bei Dravot, Carneham am Leicester Square ausgeräumt hatte.
„Die Drucktypensammlung, meinte er zu Greta, kannst du behalten.“

Die Ruhe, welche die Erzählung verströmt, steht in krassem Widerspruch zum Kern der Handlung. Trotz des inneren Sturms an Gefühlen, der durch die Diagnose der tödlichen Krankheit ausgelöst wird, ordnet sich das Leben und das Sterben durch das Alphabet. Besonders berührt ist man von der Sicherheit der Erzählung. Kein Wort liest man über den Tod, obwohl er ständig nahe ist. Eine Nähe, als ob kein Blatt Papier zwischen der Vorstellung und Wirklichkeit Platz hätte.

Die Erzählung stammt von Charles Scott Richardson, einem kanadischen Schriftsteller, der derzeit an seinem zweiten Roman arbeitet.

Die Mittagsfrau von Julia Franck

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, Lebenskultur mit Tags am Januar 21, 2008 von Marina`s Woertaworld

Warum nehme ich ein Buch vom winzigen voll gestopften Tresen der Kasse meiner Bestellbuchhandlung?

Wohlgemerkt, nicht meiner Lieblingsbuchhandlung,sondern das Geschäft, in dem jene Bücher bestellt werden, die empfohlen wurden. „Das Leben als letzte Gelegenheit“ mit dem Untertitel „Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit“ von Marianne Gronemeyer ist eines jener Bücher das darauf wartet, bestellt zu werden.

Doch zurück zur eingangs gestellten Frage.

Die Mittagsfrau, der Titel hat mich nicht angesprochen, es war die Lausitz und die kurze Beschreibung von Helenes Leben, die ihre Träume gegen alle Konventionen verwirklicht, das mich angesprochen hatte. Glücklicherweise nehme ich ein Buch in die Hand und betrachte sofort die Rückseite, die hat mich angesprochen und exakt diese Handlung ist eingetroffen.

1945. Die Flucht aus Stettin in Richtung Westen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Vorpommern. Helene hat ihren siebenjährigen Sohn durch die schweren Kriegsjahre gebracht. Nun, wo alles überstanden, alles möglich scheint, lässt sie ihn allein am Bahnsteig zurück und kehrt nie wieder. Julia Franck erzählt das Leben einer Frau in einer dramatischen Zeit – und schafft zugleich einen großen Familienroman und ein eindringliches Zeugnis.

An einem Abend las ich vom Leben der Martha und Helene in Bautzen, die Mittagsfrau kam nur einmal vor und ich habe vergessen welche Bedeutung dem Fluch der Mittagsfrau zukommt.

Die Hauptperson im Prolog und Epilog ist Peter, Sohn von Helene. Peter muss während des Krieges oft in der Wohnung auf seine Mutter warten, die als Krankenschwester arbeitet. Während eines Bombenalarms findet er unter Mutter`s Kopfpolster einen Brief seines Vaters, den Soldatenvater den er nur selten gesehen hat. Die Mutter ist für ihn die schönste Frau der Welt. Sie spricht nicht viel und erklärt noch weniger, daher will er sie nach dem Inhalt des Briefes nicht fragen. An einem Tag nach Ende des Kriegs kommt Peter nach Hause, die Tür ist aufgebrochen und er muss zusehen, wie drei Soldaten seine Mutter vergewaltigen. Die Mutter schweigt, packt die wenigen Habseligkeiten in den Koffer und fordert Peter auf, mitzukommen. Zum Bahnhof, endlich sollten sie mit dem nächstmöglichen Zug nach Berlin fahren. Am Bahnhof fordert die Mutter ihn auf, beim Koffer zu warten.
 
Sie geht weg und lässt ihn allein.

Diese Szene macht mich traurig, das Lesen wird für eine Weile unterbrochen.
Der Roman beschreibt nun in einer Rückblende Helenes Kindheit in Bautzen. Die erotische Beziehung, zu ihrer Schwester Martha und das Leben mit der verrückten Mutter, deren Sammlertick das Haus zusehends anfüllt. Die Mutter kann als Jüdin wohl die Ignoranz der Bautzener „guten Gesellschaft“ nicht mehr ertragen.  Sie wird nicht gegrüßt und hat außerhalb der Familie keinen Kontakt zu Menschen. Während des ersten Weltkriegs, der Vater musste zur Armee, lernt Helene recht und schlecht das Druckerhandwerk, damit der Druckergehilfe entlassen werden kann. Die Mittel werden knapp, Martha wird Krankenschwester und ihr Lohn ist willkommener Beitrag zum Familieneinkommen. Der Vater kehrt mit einem Bein zurück, Martha pflegt und versorgt ihn mit Morphium. Dabei findet sie auch Gefallen an der Spritze.

Wiederum eine Schlüsselszene, das Morbide in der Familie, das Drama der Zwischenkriegszeit.

Diese Szene macht mich neugierig,  ich will wissen, wie die Familiengeschichte endet.

Julia Franck entführt einem in eine unwahrscheinliche Welt, sie schildert schreckliche Szenen im Buch. Man kann sich den langsam faulenden Stumpf des Vaters vorstellen. Sein Sterben und der Wahnsinn der Mutter bestimmen die Szenen. Daneben erfährt man von einem selbsterklärten Freund des Hauses, ein älterer Mann, der sich am Anblick der Mädchen delektiert und täglich zum Essen kommt. Einer der wenigen realen Bezugspunkte der Geschichte in diesem Abschnitt ist Mariechen, die Haushälterin, die für den gewohnten täglichen Ablauf sorgt.

Nach dem Tod des Vaters beginnt ein Schriftverkehr der beiden Mädchen mit Tante Fanny, einer Cousine der Mutter. Nun wird auch klar, dass die Mutter aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von den Bürgern Bautzens abgelehnt wurde, wie es im ersten Teil sehr gut beschrieben ist. Aufgrund der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Situation, nehmen die Beiden die Einladung der Tante nach Berlin gerne an.

Als Leserin denke ich immer wieder an Peter, sein Schicksal ist im Hinterkopf verankert. Durch die Spannung wird Peter lebendig und ich mache mir Gedanken, wie es ihm ergangen ist. Ich kann es kaum erwarten, dass Helene erwachsen wird. Wird sie ihn suchen und kann sie ihn wieder finden, was passiert mit dem Jungen? Dabei überfliege ich einige Seiten, eigentlich schade.

Tante Fanny lebt kein bürgerliches sondern ein sehr liberales Leben in ihrer großen Wohnung in Berlin. Martha fügt sich sehr schnell ein, insbesondere das sie nun die Chance hat, mit ihrer früheren Liebe, Leontine zeitweilig zusammen zu leben, ohne den Blicken und der Abwertung der Gesellschaft ausgesetzt zu sein. Helene flüchtet in die Beziehung zu Carl Wertheimer, sie liebt und lebt mit ihm einige Jahre in einer Dachkammer. Den Unterhalt verdient sie in einer Apotheke und Carl erhält Geld von seinen Eltern. Die Eltern lernt sie erst nach dem Tod von Carl kennen. An jenem Tag an dem er die Ringe kaufen möchte, wird er als Radfahrer von einem Auto angefahren und stirbt am Unfallort.

Nun muss Helene wieder zurück zur Tante. Die Situation wird immer schwieriger und Helene versucht nun auch als Krankenschwester zu arbeiten. Mit Beginn des Krieges lernt sie ihren späteren Mann, den überzeugten Nationalsozialisten kennen.

Obwohl der Krieg nicht zentral beschrieben wird, sind die beiden Kriege ständig präsent. Die Zwischenkriegszeit stellt nur eine Vorbereitung auf den nächsten Krieg dar. Es sind viele Faktoren, wie Geldentwertung, kranke Menschen aus dem ersten Weltkrieg und die zunehmende Ablehnung der jüdischen Bevölkerung, die keine Normalität des Lebens zulassen.

Der Nationalsozialist Wilhelm hat ein Auge auf Helene geworfen und wird von ihr ständig zurückgewiesen, vielmehr hingehalten. Sie treffen sich im Cafe, Helene schweigt und die wenigen Unterhaltungen sind ohne Inhalt. Es sieht dies als schüchterne Zurückhaltung und ist glücklich, dass Helene ihm dann doch die Zustimmung zur Ehe gibt. Nach der ersten Nacht, als er bemerkt, dass Helene keine Jungfrau ist, fühlt er sich betrogen und behandelt sie forthin als Sklavin. Als Helene schwanger wird, verschwindet er aus beruflich – parteilichen Gründen und kümmert sich weder persönlich noch finanziell um das Schicksal von Helene und Peter, den gemeinsamen Sohn.

Jahre später, im Epilog erfährt man, dass Peter`s Mutter einen Zettel mit der Adresse des Onkels, einen Bruder von Wilhelm im Koffer deponiert hatte. Auf dem Bauernhof des kinderlosen Ehepaars wird Peter als Arbeitskraft benutzt, erfährt wenig Anerkennung aber das Überleben ist sicher gestellt.
Am 18. Geburtstag kündigt sich Helene bei Peters Onkel an. Ausgerechnet an seinem Geburtstag taucht sie am Hof auf und Peter versteckt sich. Er ist unendlich wütend auf seine Mutter und möchte sie nicht treffen. Mit der Abreise der Mutter, die ihren Sohn nicht mehr getroffen hatte, endet die Geschichte.

Eine Geschichte, verpackt in eine Studie dieser Zeit. Die Personen werden aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, die Erzählung ist besonders durch die zeitliche Verschiebung voll Spannung und Erwartung.

Das Buch von Julia Franck hat den Deutschen Buchpreis erhalten.

Der Klappentext unterscheidet sich ziemlich von meiner Wahrnehmung des Gelesenen:

„Eine idyllische Kindheit in der Lausitz am Vorabend des ersten Weltkriegs, das Berlin der goldenen Zwanziger, die große Liebe: So könnte das Glück klingen, denkt Helene. Aber steht ihr die Welt wirklich offen? Helene glaubt unerschütterlich daran, folgt ihren Träumen und lebt ihre Gefühle – auch gegen die Konventionen einer zunehmend unerbittlichen Zeit. Dann folgt der zweite große Krieg, Hoffnungen, Einsamkeit – und die Erkenntnis, dass alles verloren gehen kann. Julia Franck erzählt in ihrem großen neuen Roman ein Leben, das in die Mühlen eines furchtbaren Jahrhunderts gerät, und die Geschichte einer faszinierenden Frau.“

Ich habe keine Sekunde Idylle entdecken können. Vielleicht ist die Vorstellung von Idylle eine zutiefst individuelle Wahrnehmung?

Leben im Jetzt von Eckhart Trolle

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert, leben mit Tags , am Dezember 10, 2007 von Marina`s Woertaworld

Eckhart Tolle – Leben im Jetzt.
Lehren, Übungen und Meditationen aus „The Power of Now“

Nana, warum möchte der Autor anstelle von „Gott“ das Wort „Sein“ positionieren?

Das Wort Gott durch das Wort Sein zu ersetzen ist nicht nur ein Wort ersetzen. Kollektives Bewusstsein soll und wird damit neu geschaffen. Ein ähnlicher Vorgang passiert, wenn einem gnädigst erlaubt wird, anstelle von Gott das Wort Universium zu verwenden. „Political correctness“ oder besser „spiritual correctness“, in einer säkularen Gesellschaft ist es irgendwie wichtig, allen gerecht zu werden. Jedem das gleiche Recht, seine oder ihre spirituelle Welt begrifflich zu erlebne.

Der Mensch im Jetzt, das über dem Denken reflektierende und völlig im Hier verhaftete Wesen, ersetzt das Sein von „Gott“. Ob das gut geht? Entweder ist es ein Instrument zur besseren Vermarktung des Buches oder die Revolution einer wohlüberlegten Philosophie?
Eine Bekannte lebt seit unendlich vielen Jahren in Barbardos, sie hat mir, nachdem ich diesen Text schrieb die Bücher von Eckhart Trolle empfohlen. Eine andere Lebenskultur gibt vielleicht einen neuen Zugang zu spirituellen Begriffen, wer weiß. Vielleicht war mein Urteil zu hart? und das Buch ist von allem ein bisschen – Religion – Glaube – Philosophie, Marketing – Spiritualität…

Meine Gedanken zum Buch

Zwischen den Zeilen

Veröffentlicht in Gelesen und kommentiert mit Tags , am August 3, 2007 von Marina`s Woertaworld

von Helene Rahms, Mein Leben als Journalistin im Dritten Reich.
Man könnte fast Verständnis aufbringen, wenn nicht VERBORGENER Zynismus zwischen den Zeilen erscheint. Der Jugend wird der Inhalt ans Herz gelegt, das alltägliche Leben der Helene Rahms, einer Deutschen im Dritten Reich.

Helene Rahms, Jahrgang 1918 schreibt ihre Erinnerungen als junge ehrgeizige Journalistin im Dritten Reich. Vorerst als Volontärin bei der bürgerlichen Saale Zeitung, als „Kriegsdienstverpflichtete“ lernt sie „unverfänglich“ zu schreiben. Über Elisabeth Noelle Neumann konnt sie in die Reichshauptstadt Berlin zur Redaktion „Das Reich“.

„Mit wenigen Federstrichen lässt Helene Rahms Stimmung und Licht, Farben und Gerüche, das Lebensgefühl der dreißiger und vierziger Jahre wieder auferstehen. Ein sehr persönliches und politisches Buch von großem Format, spannend zu lesen wie ein Roman.“ weiß der einführende Text zu berichten.

„Die Flugkapitänin Hanna Reitsch, die Fotografin Leni Riefenstahl, die altdeutsch bezopfte Frauenschaftsleiterin Gertrud Scholtz-Klinik, die Hitler ihre organisatorischen Fähigkeiten aufdrängte, obschon er sie haßte, die BdM Führerin Clementine zu Castell, die in weißen Uniformcape auftrat wie ein General, wer hätte sie emanzipiert nennen wollen, obwohl sie es insgeheim waren?“ Höre ich aus diesen wenigen Zeilen leise Bewunderung?

„Meine Beiträge waren weniger mutig, vermieden alle politischen Motive. ES waren zeitlose Landschaftsidyllen, Naturbeobachtungen, Alltagsbegebenheiten, die in der Sparte „Aus den Ländern“ als hübsche „Füller“ geschätzt wurden.“
Waren diese Füller der Stoff aus dem faschistische Ideologie gewoben wird?

Ein Dokument aufrichtiger und nachvollziehbarer als das meiste, was uns über das Leben unter Naziherrschaft erzählt worden ist. Wie ist es gewesen, das alltägliche Leben der Deutschen im Dritten Reich? Das Leben derer, die keine Widerstandskämpfer, aber auch keine überzeugten Nazis waren, die nicht ins Exil gingen und doch sehnlichst auf das Ende der schrecklichen Zeiten warteten?

War das Leben als Journalistin für die Wochenzeitung „Das Reich“ alltäglich?

Helene Rahms, Journalistin und schon damals wache Zeitzeugin berichtet – ohne Nachsicht, aber auch ohne Selbstverfleischung. Ein persönliches, ein subtiles Buch, spannend zu lesen wie ein Roman. Eine Entdeckung gerade für jüngere Leser. Und ein politisches Buch von großem Format.

Subtil erscheint die Verniedlichung des autoritären Regimes, die Darstellung von Käuflichkeit und Angst vor der Verantwortung. Es klingt so einleuchtend, so ehrgeizig und so kalt den Opfern gegenüber. Das Buch ist Rechtfertigungsstrategie auf höchstem Niveau. Wer mit Wörtern umgehen kann, kann vieles umgehen, auch die Konfrontation mit der eigenen Feigheit.

Opportun ist was gefällt, auch Zynismus.

Marina Grogger