Archiv für Orhan Pamuk

Orhan Pamuk liest bei den Salzburger Festspielen

Veröffentlicht in Gehört und kommentiert, Lebenskultur mit Tags , am August 12, 2008 von Marina`s Woertaworld

Orhan Pamuk hat es nicht nötig politische Stellungnahmen abzugeben. Seine Literatur ist pure Gesellschaftspolitik und zudem noch unterhaltsam.

Es begann in hellem Licht und bei gutem Ton im Saal des Mozarteums. Der Rahmen des Bildes hinter den beiden Tischen und Sesseln auf denen der Autor und Helmut Lohner Platz nahmen war diesmal dem Bild gewidmet. „Ich bin ein Bild“ lautet der Titel, H. Lohner beginnt zu lesen. Ich brauche einige Zeit mich an die Stimme in diesem Raum zu gewöhnen, die Menschen sind unruhiger und die 8. Reihe war keine gute Entscheidung, egal, das Wesentliche war da.

Pamuk haucht den Dingen Leben ein, er beatmet sie, bis sie auftreten und vehement ihre Meinung sagen. Der Hund auf dem Bild klagt sein Leid über seine ihm angedichtete Unreinheit und die beiden Derwische erzählen von der Wanderschaft. Das Pferd betont sein Geschlechtsorgan, leises Lachen im Saal, die Sexualität wird weder verschämt versperrt noch ausgeschlachtet sondern ohne Obszönität ausgesprochen.

Er ist ein Meister der Erfindung, wenn das Bild aus dem Osmanischen Reich des sechzehnten Jahrhunderts zu plaudern beginnt. Gleichzeitig beschreibt er akribisch, und hier muss ich das Wort westlich verwenden, mit Präzision und Sachorientierung einzelne Handlungen. Vorgänge werden gezeichnet, als gälte es, eine Bedienungsanleitung für komplizierteste Technik zu verfertigen.

 

Sein letzter Bildausschnitt ist dem Teufel gewidmet, der sich heftig darüber beschwert, von Allah veranlasst worden zu sein, sich vor dem Menschen zu verbeugen. Um Aufschub seines Lebens bis zum jüngsten Gericht habe er gebeten und die Genehmigung erhalten. Doch für den Stil der fränkischen Malerei, den Menschen im Porträt detailgetreu und wiedererkennbar zu malen, sei er nicht verantwortlich, bei Gott oder beim Teufel nicht. Denn das wäre ähnlich einer Verbeugung vor dem Menschen und das hatte er kategorisch abgelehnt. Ein passender Schluss, dachte ich.
Das Cafe als Ort der öffentlichen Meinung und deshalb gefährlich, ist nur ein Gedanke, den es gilt, mitzunehmen. Literarisch gesagt, wird der gesundheitliche Aspekt des Kaffees angesprochen, politisch literarisch entsteht eine Geschichte…

 Die Idee, immer die Geschichte hinter dem Bild mitzunehmen, war wohl deshalb so eindringlich, weil er auch ein sehr guter Maler geworden wäre. Ich freue mich auf seine künftigen Bücher, in denen er vielleicht Fassaden, Häuser und Brücken zum Sprechen bringt. Orhan Pamuk, als Dichter zu Gast war und ist mit seinen Werken Bereicherung des Alltags.

Orhan Pamuk stellt seinen neuen Roman vor

Veröffentlicht in Gehört und kommentiert, Lebenskultur, Worte-Woerter-Wortgebilde mit Tags , , am August 8, 2008 von Marina`s Woertaworld

Die Felsenreitschule als Hintergrund für eine Dichterlesung ist ein absolut ungewöhnlicher Ort. Der Rahmen wurde noch verdichtet, indem ein überdimensionaler goldener Bilderrahmen hinter zwei Tischchen und zwei Sesselchen gruppiert waren.  Während vor dem Rahmen gelesen wurde, erschienen innerhalb dieses Bilderrahmens Objekte, möglicherweise Sammelobjekte aus dem zukünftigen „Museum der Unschuld“.

 

Orhan Pamuk beginnt in türkischer Sprache zu lesen, das Publikum schweigt und Helmut Lohner schaut ein wenig ungläubig zu seinem Partner, rechts von ihm. Der Nobelpreisträger erläutert die Situation, es ist die erste Lesung des am 1. September in der Türkei und am 6. September in deutscher Sprache erscheinenden 600 seitigen Werks, Museum der Unschuld.

Der Stil des Schreibens hat sich gegenüber den früheren Romanen nicht verändert, detailgetreu nimmt man am Leben des Protagonisten Kemal und seiner Liebe zu einer Frau teil. 8 Jahre lang geht er beinahe jeden Tag zum Essen zu seiner Angebetenen, von Tante und Onkel als entfernter Verwandter bezeichnet, um den Nachbarn die Möglichkeiten zum Tratsch zu nehmen. Diese Anbetung wird beinahe zur Obsession, sie verstärkt sich durch die Leidenschaft des Sammelns jener Gegenstände, die von ihr, der Geliebten berührt wurden. Dazu gehören auch 4.213 Zigarettenkippen, die jede auf ihre Weise von der Frau mit mehr oder weniger Gefühl ausgedrückt wurden.

Diese Sammelleidenschaft bringt Orhan Pamuk auf den Punkt als er von seinem geplanten Museum in Istanbul spricht. Jene Strassen, die er täglich benutzte, während der Jahre, als er seine Tochter zur Schule brachte und am Roman schrieb, sollten dem Leser durch das Museum zur Wirklichkeit werden. Noch sind es Sammlungen, aber irgendwann, meint der Autor…

Besonders berührend, beinahe verlegen erzählt der  Nobelpreisträger wie Hauptdarsteller eines Romans langsam lebendig werden.
„Nach vielen Jahren des Schreibens werden sie einem vertraut, leben beinahe mit dem Erfinder, man kennt alle Marotten und Eigenschaften seiner Darsteller. Ist der Beginn eines Romans ein weißes Blatt, beinahe unangenehm, so ist das Ende eine Freude, wenn die Personen ins Leben entlassen werden. „
Wunderschön hat er dies erzählt, die Zuhörer/innen in der Felsenreitschule geben Zwischenapplaus.

Helmut Lohner besitzt eine ausserordentliche Stimme, die ausgezeichnet die Stimmung des morbiden Romans zur Geltung bringt. Die „upper class“ der Jahre 1975 bis 1985 in der Türkei wird beschrieben, das Regime mit einer Nebenbemerkung der „Nachtruhe“ bzw. „Ausgangssperre“ gestreift.

Ein typischer Pamuk könnte man beinahe behaupten, obwohl man nur einige Seiten gehört hat. Glücklicherweise hat sich der Stil trotz des Rummels um seine Person nicht verändert, er wirkt fast schüchtern und nach dem Applaus sieht man ein Lächeln im Gesicht.

Die Zurückhaltung zu politischen Fragen ist empfehlenswert, wenn Orhan Pamuk verallgemeinernd vom sogenannten „Westen“ spricht. Ein Wort, dass es ebenso, wie den „Osten“ inklusive der Türkei nicht gibt. Das wäre Iran, Saudi Arabien, Pakistan und Türkei in einen Topf zu werfen. Sowohl aus seinen Büchern als auch bei der heutigen Präsentation ist ein leiser Komplex heraus zu hören. Die Verwestlichung der Türkei unter Atatürk in den 1930ern hat der wohlhabenden Schicht möglicherweise Kapital gebracht aber auch Selbstbewusstsein genommen. Diese Stimmung wird am Beispiel sichtbar, wenn er im Roman Istanbul die islamische Religiosität den Dienstboten zuweist oder über die Musik der Salzburger Festspiele spricht.

Es gilt nachzudenken, welcher Einfluss auf eine Gesellschaft wirkt, dessen historische Wurzeln, das Osmanische Reich abgeschafft wurden und eine neue türkische Nation mit Gewalt, Indoktrination aer auch Überzeugung eingeführt wurde.  Die Folgen davon sind Schlagzeilen in den Nachrichten. Als sogenannte „westliche Bewohnerin“ kann man dies nicht beurteilen nur wahrnehmen. Durch die Literatur von Orhan Pamuk wird der Horizont erweitert, auf jeden Fall.