Orhan Pamuk hat es nicht nötig politische Stellungnahmen abzugeben. Seine Literatur ist pure Gesellschaftspolitik und zudem noch unterhaltsam.
Es begann in hellem Licht und bei gutem Ton im Saal des Mozarteums. Der Rahmen des Bildes hinter den beiden Tischen und Sesseln auf denen der Autor und Helmut Lohner Platz nahmen war diesmal dem Bild gewidmet. „Ich bin ein Bild“ lautet der Titel, H. Lohner beginnt zu lesen. Ich brauche einige Zeit mich an die Stimme in diesem Raum zu gewöhnen, die Menschen sind unruhiger und die 8. Reihe war keine gute Entscheidung, egal, das Wesentliche war da.

Pamuk haucht den Dingen Leben ein, er beatmet sie, bis sie auftreten und vehement ihre Meinung sagen. Der Hund auf dem Bild klagt sein Leid über seine ihm angedichtete Unreinheit und die beiden Derwische erzählen von der Wanderschaft. Das Pferd betont sein Geschlechtsorgan, leises Lachen im Saal, die Sexualität wird weder verschämt versperrt noch ausgeschlachtet sondern ohne Obszönität ausgesprochen.
Er ist ein Meister der Erfindung, wenn das Bild aus dem Osmanischen Reich des sechzehnten Jahrhunderts zu plaudern beginnt. Gleichzeitig beschreibt er akribisch, und hier muss ich das Wort westlich verwenden, mit Präzision und Sachorientierung einzelne Handlungen. Vorgänge werden gezeichnet, als gälte es, eine Bedienungsanleitung für komplizierteste Technik zu verfertigen.
Sein letzter Bildausschnitt ist dem Teufel gewidmet, der sich heftig darüber beschwert, von Allah veranlasst worden zu sein, sich vor dem Menschen zu verbeugen. Um Aufschub seines Lebens bis zum jüngsten Gericht habe er gebeten und die Genehmigung erhalten. Doch für den Stil der fränkischen Malerei, den Menschen im Porträt detailgetreu und wiedererkennbar zu malen, sei er nicht verantwortlich, bei Gott oder beim Teufel nicht. Denn das wäre ähnlich einer Verbeugung vor dem Menschen und das hatte er kategorisch abgelehnt. Ein passender Schluss, dachte ich.
Das Cafe als Ort der öffentlichen Meinung und deshalb gefährlich, ist nur ein Gedanke, den es gilt, mitzunehmen. Literarisch gesagt, wird der gesundheitliche Aspekt des Kaffees angesprochen, politisch literarisch entsteht eine Geschichte…
Die Idee, immer die Geschichte hinter dem Bild mitzunehmen, war wohl deshalb so eindringlich, weil er auch ein sehr guter Maler geworden wäre. Ich freue mich auf seine künftigen Bücher, in denen er vielleicht Fassaden, Häuser und Brücken zum Sprechen bringt. Orhan Pamuk, als Dichter zu Gast war und ist mit seinen Werken Bereicherung des Alltags.


